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 Gernsbacher Nepomuk

Kein Nepomuk auf dem Gernsbacher Marktbrunnen

Über 100 Jahre lang verkündeten es die Stadtführer, und in der einschlägigen Literatur war es zu lesen: Auf dem Gernsbacher Marktbrunnen steht der heilige Nepomuk. Der Vergleich mit dem durch eine Inschrift ausgewiesenen Nepomuk an der Stadtbrücke scheint diese Ansicht zu bestätigen. Beide Heilige tragen dieselbe Tracht: den viereckigen Priesterhut, das sogenannte Birett, die knöchellange Soutane, darüber den Chorrock und ein Schultercape aus Pelz. Einer trägt das Birett auf dem Kopf, einer hält es in der Hand, beide haben ein Kreuz mit Blattwerk im Arm. Und doch stellen beide Statuen nicht dieselbe Person dar.

Seit der Veröffentlichung des unten stehenden Artikels der Verfasserin im Badischen Tagblatt vom 28. Dezember 2016 ist am Brunnentrog ein Schild angebracht, dass über die wahre Identität der Figur Aufschluss gibt.

Aufklärung über die Identität des Brunnenheiligen gibt eine alte Handschrift, die unter dem Titel „Beschreibung der evangelischen Kirche in Gernsbach und der Grafschaft Eberstein“ im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt wird. Sie berichtet in barock verschnörkelter Sprache zum Jahr 1750: „Gleich hernach im Monat August ließen der vorbenannte baadische Amtschreiber Ettlinger, nun als ein Neubekehrter seinen catholischen Eifer zu zeigen, auf den Marktbrunnen … das Bildnis Francisci Xaverii setzen, wie auch Sebastian Stemmle ein paar Tag hernach ein steinernes Bildnis Sebastianus vor seine Mühl setzen lassen.“ Ein badischer Beamter namens Ettlinger stiftete also einen heiligen Franz Xaver für den Marktbrunnen, während der Gernsbacher Müller Sebastian Stemmle einen heiligen Sebastian an der Hinteren Mühle (Bogenmühle) anbringen ließ.

Leider verrät die Handschrift den Vornamen des Stifters Ettlinger nicht. Ein ebenfalls im Generallandesarchiv aufbewahrtes Verzeichnis von 1746 nennt einen badischen Rentei-Amtsverwalter namens Franz Andreas Ettlinger. Dass dieser Ettlinger mit dem Stifter des heiligen Franz Xaver identisch ist, lässt sich nicht beweisen. Dass der Stifter Ettlinger auch den Vornamen Franz getragen haben könnte, ist aber gut vorstellbar. Der zweite Stifter des Jahres 1750, Sebastian Stemmle, entschied sich bei seiner Stiftung auf jeden Fall für die Statue seines Namenspatrons, des heiligen Sebastian. Auch die Tatsache, dass Ettlinger als „Neubekehrter“ bezeichnet wird, legt nahe, dass er bestrebt war, gegenüber der badischen Herrschaft seinen katholischen Eifer zu zeigen.

Seine Stiftung fiel in eine Zeit zunehmender Erbitterung zwischen der mehrheitlich evangelischen Gernsbacher Bevölkerung und den katholischen Stadtherren. Die Markgrafen von Baden-Baden und die Fürstbischöfe von Speyer führten unter Missachtung der verbrieften Religionsfreiheit verstärkt katholische Bräuche ein. Die Protestanten wehrten sich mit Einsprüchen und beachteten die katholischen Feiertage nicht, an Fronleichnam wurde zum Beispiel Mist ausgefahren. Als die 1740 aufgestellte Statue des heiligen Nepomuk auf der Stadtbrücke geköpft wurde, fiel der Verdacht sofort auf das protestantische Lager. Der Streit zwischen den Konfessionen dauerte bis zum Aussterben der katholischen Linie Baden-Baden 1771.

Fragt man, mit welcher Heiligenfigur sich Ettlinger 1750 bei seiner Herrschaft wohl am besten zur Geltung bringen konnte, besonders wenn er tatsächlich Franz mit Vornamen hieß, fällt die Antwort nicht schwer. Mit Franz Xaver wählte der Stifter einen Schutzheiligen aus dem Orden, der sich den Kampf zur Bewahrung und Ausdehnung des katholischen Glaubens auf die Fahnen geschrieben hatte sowohl gegen die Reformation als auch weltweit zur Bekehrung der Heiden. In den Augen der Jesuiten waren die Protestanten Häretiker, die zum wahren Glauben zurückgeführt werden mussten. Ettlinger signalisierte mit der Wahl des Franz Xaver für den Marktbrunnen also ein deutliches Ziel: Rückführung der Gernsbacher in den Schoß der katholischen Kirche.

Franz Xaver wird oft in der für die Jesuiten atypischen schwarzen Soutane dargestellt. Häufig erscheint er aber auch, wie Johannes Nepomuk, mit einem Chorrock bekleidet, zum Beispiel auf der Prachturkunde, die anlässlich der Aufnahme von Sibylla Augusta in den Jesuitenorden 1719 ausgestellt wurde. Auch das Kreuz hat Franz Xaver als typisches Attribut mit Nepomuk gemeinsam. Daher sind die Darstellungen der beiden Heiligen häufig zum Verwechseln ähnlich. Möglicherweise stammt die Statue des Franz Xaver aus derselben Werkstatt wie die des Nepomuk, so dass sich der Steinmetz an der älteren Figur orientiert haben könnte. Auf diese Weise ging in neuerer Zeit das Wissen um die Identität des Gernsbacher Marktbrunnenheiligen verloren, man interpretierte ihn zum populären Brücken- und Brunnenheiligen um.  Stadtpfarrer August Eisenlohr gibt in seinem Werk „Kirchliche Geschichte der Grafschaft Eberstein“ von 1876 den Heiligen auf dem Marktbrunnen noch als Franz Xaver an.

Steckbrief zur Person

Der spanische Adlige Franz Xaver (Francisco Javier, 1506-1552) war zusammen mit Ignatius von Loyola einer der Mitbegründer des Jesuitenordens. Er gilt vor allem als Wegbereiter der christlichen Mission in Indien und Ostasien. Bereits 1622 wurde er heiliggesprochen. Neben ihrem böhmischen Lieblingsheiligen, dem 1729 heiliggesprochenen Johannes Nepomuk (1350-1393) , zeigte Markgräfin Sibylla Augusta auch für Franz Xaver tiefe Verehrung. 1719 brachte sie als Geschenk des Jesuitenordens aus Rom einen Teil seines Armknochens mit, den sie in ein kostbares Reliquiar fassen ließ. Außerdem ließ sie sich und ihren Sohn in diesem Jahr in den Jesuitenorden aufnehmen.

Bildunterschriften:

Sterbender Franz Xaver, Altarbild (Ausschnitt) vom badischen Hofmaler Joseph Melling im Chor von St. Alexander, Rastatt. Franz Xaver starb auf einer Insel vor der Küste Chinas. Im Hintergrund sind das Meer und der Bug eines Schiffes zu erkennen.

Original der Heiligenfigur auf dem Marktbrunnen im Schaufenster des Hauses Hauptstr. 28.

Kopie des Heiligen auf dem Marktbrunnen von 2016.

Franz Xaver Joseph Melling klein Franz Xaver Original klein
Nepo Marktbrunnen 2016 klein

© Cornelia Renger-Zorn 1999-2026
letzte Aktualisierung: 4. Januar 2026